Wenn du nicht lachst regnet es trotzdem


Halte kurz inne und lies dir meine Kurzgeschichte durch, bevor du ins Bett gehst.


Ich nahm die sterile, weiße Bettdecke wahr, die mich einhüllte wie ein Kokon.
„Lili!“, rief eine Stimme. Ich drehte meinen Kopf. Die Bewegung schmerzte. Vor meinem Bett saß meine Mutter. Ihre dunklen Augen schimmerten feucht. Hatte sie geweint? Vorsichtig nahm sie meine bandagierte Hand. Ein winziges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
Krankenhaus. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schock. Ich lag im Krankenhaus. Ich versuchte, meine Hand zurückzuziehen. Die Berührung meiner Mutter erschien mir unerträglich, doch ich hatte keinerlei Gewalt über meine Muskeln. Schlaff hing mein linker Arm herab und ließ sich von meiner Mutter streicheln, als gehöre er nicht zum Rest meines Körpers.

 

„Lili, mein Schatz. Wir sind so froh, dass du aufgewacht bist. Erinnerst du dich denn noch, was passiert ist?“ Ihre Stimme klang erstickt. Ich versuchte mich zu konzentrieren. Mein Gedächtnis bestand aus tausend Scherben und das Denken schmerzte. Ein Sonnenstrahl schien durch die halbherzig zugezogenen Gardinen des Zimmerfensters und traf mein Gesicht. Sommer. Sommerurlaub. Wir wollten in den Sommerurlaub fahren. Unser alter Golf war bis unter die Decke vollgepackt gewesen und beschleunigte nur widerwillig. Mein Herz setzte für einen Moment aus. Wir. Unsere kleine Familie. Doch weder mein Mann, noch meine kleine Tochter hielten sich hier im Zimmer auf.
„Was ist mit ...?“ Ich stockte.

 

Jetzt konnte meine Mutter sich nicht mehr zurückhalten. Die Tränen liefen über ihr Gesicht, sie weinte stumm. Ihre Unterlippe zitterte, als hätte sie Angst vor ihren nächsten Worten. Fasziniert bemerkte ich, wie die Fältchen um ihren Mund einen dichten Kranz bildeten.
„Sie haben es nicht ...“, flüsterte sie erstickt.
„Was haben sie nicht?“, fragte ich laut, beinahe wütend. Meine Mutter schien sich einen Ruck zu geben und räusperte sich. Ich entdeckte eine graue Strähne in ihrem vollen, aschblonden Haar.
„Sie haben es nicht geschafft.“ Ihre Stimme brach und sie schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen.
Ich blinzelte, doch das Bild meiner weinenden Mutter verschwand nicht. Sie haben es nicht geschafft, murmelte eine Stimme in meinem Kopf. Mein kleines Mädchen war nicht mehr bei mir. Nie wieder würde ich ihre vor Aufregung geröteten Bäckchen streicheln können, wenn sie mir aufmerksam bei der Gutenachtgeschichte zuhörte. Und Liam... Tränen rollten über meine Wangen. Das war einfach nicht gerecht. Das Weinen tat weh, mein Herz drohte zu zerreißen.
„Nein.“, flüsterte ich.
Eine dichte Wolke schob sich vor die Sonne, mein Zimmer wurde in graues Licht gehüllt. Und es begann zu regnen. Warum musste ich hierbleiben? Ohne meine kleine Familie war ich nichts. Der Regen wurde stärker. Meine Mutter stand auf und schloss das Fenster.
„Nein.“, sagte ich noch einmal.
„Du erkältest dich sonst.“
Und wenn schon. Nichts konnte schlimmer sein, als das Loch, das in meiner Brust klaffte. Ich sah, wie sich die Lippen meiner Mutter noch weiter bewegten, doch ich hörte sie nicht.
Und dann schrie ich. So laut, dass meine Mutter sich die Ohren zuhielt. Und ich hörte nicht auf, bis sie ihre Hand auf meinen Mund presste. Keuchend schnappte ich nach Luft, doch sie ließ nicht los. Erst, als kein Ton mehr über meine Lippen kam, gab sie meinen Mund frei.

 

„Der Regen ist schlimm.“, sagte sie.
Überfordert von dem plötzlichen Themenwechsel nickte ich.
„Dann versuch, zu lächeln.“ Sie strich mir über die Wange und fing mit ihrem Finger eine Träne auf.
„Der Himmel weint, er versteht deine Trauer. Unsere Trauer.“ Ihre Stimme war leise, fast nur ein Flüstern. Es kostete sie sichtlich Überwindung, überhaupt zu sprechen. Nach all dem, was passiert war.

 

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