F ü r  i m m e r  u n d  g e s t e r n

Elias mochte sie nicht. Es tat ihm weh, wenn er an sie dachte.
Für pure Verschwendung hielt er sie.
Die Zeit.
Sie war sein größter Feind.

 

Bis er den Stein fand. Den Stein, der ihn seine Sorgen vergessen ließ. Für den Moment zumindest. Der alle Grundfeste, an die er bisher geglaubt hatte, einfach davon riss. In tosenden Fluten verschwanden seine Vorstellungen, seine Ideale, sein Glaube.

 

Elias fand ihn eines Tages bei einem Spaziergang am Meer. Er wollte seine Ruhe, niemand sollte ihn stören. Barfuß ging er trotz des frischen Windes am Strand entlang. Das Wasser umspülte seine Füße, wie kleine Eiszapfen stachen die Tropfen in seine Haut. In Gedanken versunken lief er, bis es dunkel wurde. Die Sonne hatte sich an diesem Tag nicht blicken lassen und auch der Mond wurde von dichten Wolkenmassen verdeckt. Es war stockfinster. Nur der weiße Sand schimmerte sanft. Von einem inneren Drang getrieben setzte Elias seinen Weg fort. Es war ihm gleich, ob er etwas sehen konnte oder nicht. Doch ein plötzliches Blitzen vor seinen Füßen zwang ihn, aus seiner Traumwelt zurückzukehren. Elias bückte sich. Vor ihm lag ein Stein, der trotz der Dunkelheit in sattem Grün leuchtete. Er war scharfkantig und Elias hätte sich beinahe die Hand aufgeschlitzt. Vorsichtig nahm er das Fundstück hoch. Es fühlte sich an, als würde er von einem Sog erfasst und durch die Luft gewirbelt.
Und dann war er plötzlich in einem weißen Raum.

 

Er kannte diesen Raum. Viel besser, als ihm lieb war. Elias kniff die Augen zusammen, in der Hoffnung, er könnte aus diesem Traum entfliehen. Doch als er sie wieder öffnete, hatte sich nichts verändert. Er sah das weiße Bett, das Fenster, dessen Gardinen halb geschlossen waren und nur wenig Sonnenlicht hineinließen. Auf dem Fensterbrett verwelkte ein Blumenstrauß. Sein Blick wanderte weiter. Ein weißer Schrank, schon leicht vergilbt mit dem Alter. Und eine Tür. Voller Hoffnung sah Elias sie an. Er könnte durch die Tür fliehen, ja, das war es. Er wollte nicht  sehen, was in diesem Bett war…
Oder wer dort lag. Er wusste es.

 

Doch dann hörte er ihre Stimme, die leise seinen Namen rief.
Ich kann es nicht, dachte er sich. Er wusste nicht, in was für einem schrecklichen Tagtraum er sich befand, doch er hatte Angst. Angst, in dieses Gesicht zu sehen, das er so sehr geliebt hatte. Bis es, von Krankheit und Trauer entstellt, für immer durch den Holzdeckel des Sarges vor ihm verschlossen wurde.

 

Wie von Geisterhand geleitet  ging er auf das Bett zu. Dort lag sie und lächelte ihn an. Ihr blondes Haar fiel in dünnen Locken um ihr Gesicht, viel hatte sie davon nicht mehr. Ihre Haut war grau, die Wangen hohl und eingefallen. Und doch leuchteten ihre Augen auf, als sie ihn erblickten.

 

„Du bist gekommen.“, flüsterte sie mit schwacher Stimme. Nichts erinnerte mehr an den glockenhellen Klang, den sie einst gehabt hatte. Wenn Elias früher von der Arbeit nach Hause gekommen und sie in der Küche singen gehört hatte, ging es ihm gleich ein kleines Stück besser.

 

Elias konnte nichts erwidern. Langsam, wie in Zeitlupe, streckte er seine Hand aus. Doch er erreichte sie nicht.
Wieder fühlte er sich, als wenn er durch die Luft gewirbelt wurde und dann war er wieder am Strand.

 

Keuchend und zitternd brach er zusammen. Den Stein hatte er fallen lassen. Er wusste nicht, was ihm geschehen war. Die Gefühle drohten, ihn zu überwältigen. Bis jetzt hatte er es immer verdrängt. Hatte sich eine Mauer gebaut und war ein Meister darin geworden, die Vergangenheit zu ignorieren. In stummem Schmerz trommelte er auf den eiskalten Sand unter sich ein. Seine Füße waren mittlerweile blau angelaufen und steif vor Kälte, doch er spürte nichts davon. Zornig nahm er den schönen grünen Stein und schmiss ihn in die Dünen.

 

Und dann weinte er. Elias hatte noch nie geweint. Nicht, als er von ihrer Krankheit erfahren hatte. Nicht, als ihre letzten Tage kamen. Und erst recht nicht, als er ihren leblosen Körper fand, ihre Augen für immer geschlossen.

 

Er wusste nicht, wie lange er so da lag. In gekrümmter Haltung, wie ein Fötus im Leib seiner Mutter. Mittlerweile spürte er auch seine Hände vor Kälte nicht mehr. Aber es war ihm egal. Langsam versuchte er, sich aufzurichten. Am Horizont ging schon die Sonne auf. Elias mochte die Sonne nicht mehr, seit sie weg war. Als es ihr noch gut ging, hatten die beiden die Sonne geliebt. Waren ihr im Winter hinterhergereist, weil sie es in der tristen, grauen Stadt nicht aushielten. Jetzt verschloss er die Fensterläden, sobald sich ein Sonnenstrahl zeigte.

 

Doch heute war er froh über den Lichtstrahl.
Er wollte den Stein wiederfinden, sie noch einmal anfassen. Die Wärme ihrer Hände fühlen.

 

Elias musste nicht lange suchen. Er schien die schwachen Sonnenstrahlen einzufangen und in hundertfacher Stärke wiederzugeben. Schnell lief Elias auf den glitzernden Fleck in den Dünen zu und schnappte sich den Stein. Er presste ihn an sein Herz und wurde von dem erlösenden Sog erfasst, der ihn zu ihr bringen würde.

 

Als er die Augen aufschlug, lag er auf einer Blumenwiese. Es musste Sommer sein, die Grillen zirpten und es lag der Duft von frisch gemähtem Rasen in der Luft. Die Sonne knallte erbarmungslos auf ihn nieder, doch er versteckte sich nicht. Er wollte sie sehen.

 

Noch bevor er sich aufrichten konnte, sah er sie mit wehenden Haaren und einem kurzen, weißen Sommerkleid die Treppe ihres gemeinsamen Hauses hinabspringen. Sie war eine Frohnatur, hatte sich immer mit schwingenden und wippenden Schritten fortbewegt und nie stillgesessen. Elias konnte sie nur anstarren. Fast hatte er vergessen, wie schön sie war. Mit allen Mitteln versuchte er, sich das Bild einzuprägen. Er wollte nach ihr rufen, doch kein Ton kam aus seinem Mund. Sie schien etwas vergessen zu haben und wandte sich wieder zum Haus um.

 

Nein, wollte er schreien, ich bin doch hier! Komm zu mir! Doch wieder brachte er kein Wort heraus. Wie ein Ertrinkender schnappte er nach Luft und wollte ihr nachlaufen. Doch bevor er aufstehen konnte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

 

„Du musst mich gehen lassen.“, sagte sie leise. Und war verschwunden. Elias wurde von dem Sog erfasst und fand sich auf den Dünen wieder.

 

„Nein!“, schrie er laut. Es war ihm egal, ob ihn jemand hörte. Er wollte nur zurück. Zurück zu ihr, sie einfach nur anschauen. Sie durfte einfach nicht gehen. Ein weiteres Mal traten ihm Tränen in die Augen. Er rüttelte und schüttelte an dem Stein, doch nichts geschah. Durch den Tränenschleier hindurch konnte er erkennen, dass der Stein seine schillernde, grüne Farbe verloren hatte. Er sah einfach nur noch aus wie ein ganz normaler, grauer Stein. Hektisch blickte Elias sich um. Hatte er den grünen Stein aus Versehen fallen gelassen? Doch nichts war zu sehen. Nur das matte Sonnenlicht erhellte den Sand um ihn herum.

 

Und dann wurde ihm klar, dass er nicht mehr zurück konnte. Wieder wollte er schreien, all seine Wut aus sich herauslassen. Das Leben war so ungerecht. Wie hatte es ihm sie nehmen können? Kraftlos ließ er sich in den Sand fallen. Er dachte daran, was sie gesagt hatte.

 

Er musste sie gehen lassen. Musste weiterleben.

 

Aufgewühlt ließ er sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Und er spürte, wie sich etwas in seinem Herzen bewegte. Das große Loch, das sie hinterlassen hatte, war nicht mehr da. Er wollte sich wehren, schreien, dass er sie nicht vergessen wollte.
Aber er wusste, dass er sie nie vergessen würde. Das Loch mochte vielleicht weg sein, doch sie war immer noch da. Für andere war sie vielleicht nur ein Teil seiner Vergangenheit. Doch für sein Herz war sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Er würde mit ihr in seinem Herzen leben und ihre Seele dort erblühen lassen.

 

Elias glaubte zu sehen, wie der Stein in seiner Hand noch einmal schwach aufleuchtete. Nun wusste er endgültig, dass er es konnte.

 

Er konnte weiterleben.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0