W E N N D U D E R A B S C H A U M B I S T

„He, komm du weg da!“, hörte Willi die Stimme des Aufsehers über den leeren Platz brüllen. Sehnsüchtig warf er noch einen letzten Blick nach draußen. Dann drehte er sich um und rannte so schnell er konnte auf das Lager zu. Er wusste nicht, wem genau die Stimme gehört hatte. Er hoffte nur, dass niemand ihn erkannt hatte. 

„Willi!“, flüsterte seine Mutter vorwurfsvoll, als er sich keuchend in die Schlange vor der Essensausgabe reihte, „Wo warst du denn schon wieder?“ Willis Mutter starrte stur geradeaus während sie sprach und bewegte kaum ihre Lippen. Alle Leute hier machten das so. Denn eigentlich durften sie gar nicht sprechen. 

„Ich habe raus geschaut.“, antwortete der Junge einsilbig. Raus schauen war sein liebstes Hobby geworden. In der Nacht schlich er sich oft davon und starrte stundenlang auf die freie Fläche hinterm Zaun. Viel war dort nicht zu erkennen. Aber er hatte das Gefühl, in diesen Stunden ein bisschen Freiheit einzuatmen. Willi verstand nicht, warum seine Mutter das nicht mitmachte. Früher in ihrem Haus hatte sie oft am Fenster gestanden und die Landschaft bewundert. Willi wünschte sich, er würde noch einmal das Glitzern in ihren Augen wahrnehmen, wenn sie sich umdrehte und rief: „Komm schnell und schau, was ich gesehen habe!“ Er war dann immer sofort zu ihr geflitzt. Sie hatte ihn auf den Arm genommen und gemeinsam hatten sie gelacht über das, was es zu sehen gab. Einmal war sogar ein prächtiger Pfau dabei gewesen, der sich in die Stadt verwirrt hatte. Willi wurde traurig. Er hatte schon lange keinen Pfau mehr gesehen. 

Endlich war er an der Reihe. Er mochte die Frau nicht, die das Essen austeilte. Sie machte ihm immer viel weniger auf den Teller als seinen älteren Brüdern. So war es auch heute. 

„Hier, nimm!“ Willi wurde von der Seite von einem Mädchen angestupst. Lisa war ein Jahr jünger als er, das glaubte er zumindest. Und sie hieß auch nicht wirklich Lisa, aber wer wusste das schon. Willi hieß eigentlich auch anders. An seinen richtigen Namen konnte er sich jedoch kaum noch erinnern. Vor ein paar Jahren war nämlich ein Mann zu ihnen nach Hause gekommen. 

„N´Abend, Abschaum.“, hatte er zu ihrer Begrüßung gesagt. Willi wusste zwar nicht, was Abschaum war, aber der Mann gefiel ihm nicht. 

„Lass uns in Ruhe!“, rief er ihm deshalb zu. Der Mann lachte nur meckernd und sagte: „Was bist du denn für ein vorlautes Bürschchen? Na, dein Lachen wird dir bald vergehen. Name?“  

Bevor Willi antworten konnte, sprang seine Mutter ein. „Er heißt Willi, Soldat. Es tut mir Leid für seine Worte. Verstehen Sie, er ist nur ein Kind.“ Der Soldat lachte nun nicht mehr. 

„Mir ist egal, wer er ist, Abschaum.“ Und damit wandte er sich zum Gehen. Willi fragte seine Mutter nie, warum er jetzt einen anderen Namen hatte. Aber von diesem Zeitpunkt an war er Willi. 

„Danke“, sagte Willi zu Lisa gewandt. Das Mädchen gab ihm immer die Hälfte von seinem Brot ab. Sie hatte bemerkt, dass er viel zu wenig bekam.

„Warst du wieder raus schauen?“, fragte Lisa ihn leise. Willi nickte. 

„Ich habe sogar was gesehen!“ Er reckte stolz die Brust. 

„Und was?“ Willi konnte Lisas Aufregung nur zu gut verstehen. Manchmal leistete sie ihm nachts Gesellschaft beim raus schauen. Aber sie hielt nicht so lange durch, wie er. Ihr wurde schneller langweilig. 

„Ich habe einen Falken gesehen!“

Lisa blickte ihn groß an. Tiere waren in der Nähe ihres Lagers eine solche Seltenheit, dass sie schon gar nicht mehr wusste, wie eine Amsel aussah, geschweige denn ein Falke. Die Tiere mussten spüren, dass es hier nicht zu holen gab. Nur Tod, Schlamm und Verwesung. 

Die beiden Kinder konnten sich nicht weiter unterhalten. Schon drang die Stimme des Generals zu ihnen durch, dass die Pause vorbei war. Willi sprang auf und starrte zu seiner Mutter. Die rührte sich nicht, sondern starrte nur mit glasigem Blick auf den Boden. 

„Na los, Mutter. Steh auf!“, versuchte Willi sie zum Aufstehen zu bewegen. 

„Noch ein paar Minuten…“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang schwach. Willi wusste nicht, was er machen sollte und wurde ungeduldig. Sie mussten los! Sonst würde bald der General kommen und dann gab es eine schlimme Strafe. 

„Was ist hier los?“, erklang auch schon die Stimme des Deutschen, der den Befehl über das Lager hatte. Als seine Mutter immer noch nicht reagierte, sprudelte es aus Willi raus: „Ich weiß nicht! Meine Mutter ist krank. Sie muss heute im Bett liegen bleiben. Aber ich werde gleich an die Arbeit gehen, Herr General!“ 

Der hochgewachsene Mann musterte ihn skeptisch. 

„Hör zu, deine Mutter wird gebraucht. Dies ist hier ein Arbeitslager. Da wird nicht gefaulenzt! Und nun ab, ihr beiden! Dann will ich es für heute mit einer Strafe gut sein lassen.“ 

Willi starrte erwartungsvoll auf seine Mutter, doch diese rührte sich immer noch nicht. 

„Bitte, Herr General. Ich werde auch die Arbeit für meine Mutter heute übernehmen! Auch wenn ich bis in die Nacht schufte!“ Der kleine Junge nickte bekräftigend. 

Das Gesicht des Generals verschloss sich. Schweigend holte er seine Pistole aus der Halterung. 

„Tut mir Leid für dich, Bürschchen.“, sagte er. 

„Nein, sie dürfen nicht schießen!“, schrie Willi und warf sich schützend über seine Mutter. 

„Bitte, Mutter, beweg dich!“ Willi schüttelte sie und endlich blickte sie ihn an. Der Blick war gebrochen, stumpf von dem Leid, das sie ertragen musste. Doch als sie den verängstigten Ausdruck in den Augen ihres Sohnes sah, durchfuhr sie ein Ruck und sie richtete sich auf. Ihr Gesicht hatte wieder Farbe bekommen.

„Verzeihen Sie, Herr Hauptsturmführer.“, sagte sie unterwürfig. Der Mann blickte von ihr zu Willi und wusste offenbar nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. 

„Das macht sechs Zusatzstunden heute. Und kein Abendessen, für beide.“ 

Willi zuckte zusammen, doch seine Mutter knickste nur und bedankte sich. Ohne ein Wort zu Willi zu sagen wandte sie sich ab und eilte zu den Gruben. 

Den Rest des Tages dachte der Junge nicht mehr an den Vorfall. Seine Mutter wurde immer schwächer, das wusste auch er. Aber er konnte nichts machen. Sein Vater war fort, zu Hause, wie seine Mutter immer sagte. Doch das glaube Willi nicht. Niemals hätte er seine Familie an diesen schrecklichen Ort geschickt, ohne selbst mitzukommen. Seine Großmutter hatte immer gesagt, ihr Vater sei im Himmel. Dass er von oben auf Willi herabblicken könnte. Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Er hätte lieber einen Vater, der mit ihm hier wäre. 

Als es dunkel wurde und die anderen sich im Lager versammelten, um ihre Abendmahlzeit einzunehmen, wurde Willi unruhig. Wie würde seine Mutter den Tag überstanden haben? Er wusste zwar nicht, wie lange sechs Stunden waren, doch er war sich sicher, dass sie noch bis in die Nacht hinein allein in den Gruben arbeiten musste. Kurzentschlossen machte er sich auf den Weg, um sie zu suchen. 

„Mutter?“, flüsterte er. Es war zwar niemand anderes in der Nähe, doch Willi war vorsichtig. Das Arbeitslager war groß und seine Mutter konnte praktisch überall sein. Von einem inneren Drang getrieben wandte er sich nach rechts, näher an den Zaun ran. Er wusste, dass er von hier aus gesehen werden konnte, doch das machte ihm keine Angst. Zur Abendbrotszeit waren die Aufseher nachlässiger. Willi flitzte kreuz und quer durch das Lager. Immer wieder rief er leise nach seiner Mutter. Irgendwo musste sie doch sein. Keuchend legte er eine Pause ein und hielt sich den Bauch. 

Früher warst du schneller, sagte er zu sich. Doch die schlechte Ernährung hier zehrte ihn aus. Sie zehrte jeden aus. Willi wollte gerade überlegen, wo er am besten weitersuchen könnte, als sich hinter einem Busch etwas bewegte. Sofort huschte der Junge hinter einen Baum. Doch als niemand kam, wagte er sich ein paar Schritte vor. 

„Mutter?“, flüsterte er. 

„Willi.“, hörte er leise. Ohne weiter drüber nachzudenken rannte er auf die Stelle zu, aus der die Stimme kam. Er hatte seine Mutter gefunden. Sie lag auf dem Boden in einer unnatürlichen, verrenkten Haltung. Ihr Gesicht war mit Schlamm und… Blut überzogen. Willi stockte der Atem. Seine Mutter brauchte Hilfe. 

„Willi, komm her.“, presste seine Mutter angestrengt zwischen den Lippen hervor. Auch wenn alles in ihm schrie, dass seine Mutter einen Arzt brauchte, kniete er sich über sie. 

„Du musst ohne mich zurück. Sie sind… gefährlich.“ Das Sprechen bereitete ihr offensichtlich große Anstrengungen. 

„Ich hole dir Hilfe, Mutter!“, flüsterte der Kleine, „Bitte geh nicht. Ich kann Hilfe holen.“ Doch er merkte, wie sie sich von ihm entfernte. Willi traten Tränen in die Augen. 

„Bitte, Mutter. Ich brauch dich doch!“, schluchzte er und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt und so klein und abgemagert, dass er sie mühelos mit seinen Kinderhänden umschließen konnte. 

„Ich hab dich lieb, Willi.“ Mit diesen Worten auf den Lippen schloss sie die Augen. 

Verzweifelt schmiss Willi sich auf sie und versuchte, sie aufzuwecken. Doch sie würde nicht mehr aufwachen. Sie würde hier liegen und verwesen. Im Schlamm, im Dunkeln, in ihrem eigenen Blut.