wenn es regnet

Das Dach der alten Bushaltestelle am Bahnhof war morsch, es bot nicht wirklich Schutz vor dem unbarmherzigen Regen, der kraftvoll und laut auf die Holzbalken prasselte. Lysander war schon bis auf die Haut durchnässt. Seine dünne Strickjacke bot nicht wirklich Schutz vor der Kälte, die bis in sein Innerstes zu dringen schien. Doch er achtete nicht darauf. In tiefem Schmerz starrte er auf die Gleise. Einmal pro Stunde fingen sie an zu zittern und ein Zug rauschte an ihm vorbei. Er scharrte mit den Füßen. Wusste weder ein noch aus. Eigentlich hätte er sich schon längst in einen Zug setzen sollen. Er hätte den ganzen Ärger schon hinter sich haben können, wäre frei gewesen. Stattdessen saß er hier im Regen und starrte ins Leere. Beobachtete, wie das Wasser von den Bahngleisen abperlte. Die wenigen Passanten, die ihn angesprochen hatten, waren vor seinem durchdringenden Blick zurückgewichen. Er musste einen grauenvollen Anblick bieten.

 

Lysander konnte sich nicht zusammenreißen. Er wusste ja selbst nicht einmal, was genau geschehen war. Ganz normal war er heute früh aufgestanden und zur Arbeit gefahren. Sie hatte natürlich noch geschlafen. Und als er wieder nach Hause kam, war sie weg gewesen. Ein Zettel auf dem Küchentisch.

 

Ich halte es nicht mehr aus.

 

Er wusste, was das hieß. Sie hatten sich voneinander entfernt, das hatte er auch bemerkt. Die letzten Wochen hatte sie kaum noch ein Wort mit ihm gewechselt. Er schob das auf ihre Arbeit. Auf seine Arbeit. Doch da war mehr, da brauchte er sich nichts vormachen.

 

Ein Schauder durchfuhr ihn, als ein dicker Regentropfen in seinem Nacken landete. Es wurde immer dunkler, der Himmel schien eins mit seinen Gedanken zu werden. Das tiefe Grau der Wolken schien seine Seele widerzuspiegeln.

 

Wie hatte sie nur einfach gehen können?

 

Er hätte alles mitgemacht. Eine Therapie. Gespräche. Entsetzlich viele Gespräche, obwohl er nicht gern erzählte. Für sie hätte er es gemacht, wenn sie ihn gefragt hätte. Doch sie war lieber vor ihren Problemen davongelaufen, wie immer. Der Gedanke, dass er nicht wusste, wo sie war, was sie machte und ob sie glücklich war fraß ihn von innen heraus auf.

 

Die Gleise vor ihm begannen wieder zu zittern. Ein verlockender Gedanke durchfuhr ihn. Es wäre einfach. So einfach. Seine Sorgen würden sich mit einem Mal in nichts auflösen. Er müsste nur ein, zwei Schritte nach vorn machen. Den richtigen Moment abpassen. Langsam stand Lysander auf und streckte seine steif gefrorenen Beine aus. Die Lichter des Zuges leuchteten in der Ferne auf, die Gleise zitterten immer stärker. Er keuchte, fühlte sich wie gelähmt. Noch ein Schritt nach vorn, wie in Zeitlupe. Niemand anderes befand sich am Gleis, niemand würde es mitbekommen. Und niemand würde ihn vermissen, denn sie war die einzige gewesen, die ihn noch gehalten hatte.

 

Das hat sie bestimmt nicht gewollt, dachte er traurig. Lysander atmete tief durch, er fühlte, wie die vom Regen ganz saubere Luft durch seine Lungen strömte. Und dann sprang er.